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Und nun?

Von klein auf an wurde uns beigebracht, die Welt analytisch und mit unserem Verstand zu betrachten. Wir haben gelernt, logisch zu denken, Zusammenhänge zu erkennen und zu verstehen. Wir bekamen das Werkzeug, ein paar Schritte nach vorne zu denken und auch für grössere Zeitabstände zu planen. Das hat alles ganz wunderbar funktioniert, wenn man es denn ernst genommen hat. Und die meisten haben es ernst genommen. Eine solide Schulausbildung, eine vernünftige Berufsausbildung, einen sicheren Arbeitsplatz, Familie, Wohnung/Haus, Urlaub, Hobby, Rentenversicherung….alles sinnvoll, alles planbar…. und jetzt?

Seit nun knapp einem Jahr werden die Fragezeichen um uns herum immer größer. Es ist immer weniger planbar. Immer weniger ist mit dem Verstand zu erfassen, auf immer mehr Fragen gibt es keine Antworten und nur noch mehr neue Fragezeichen. Erklärungen, die laut werden, sind genau das: laut und werden vehement verfechtet, egal von welcher Seite sie kommen. Es ist eine Aggressivität spürbar und es werden fast unüberwindbare Gräben geschaffen, in der Gesellschaft, am Arbeitsplatz, in der Familie, im Freundeskreis und auch in Beziehungen. Das sind dramatische Entwicklungen, die wir unbedingt ernst nehmen sollten. Was also ist passiert?

Äußere Umstände bewirken, dass wir in vielen Bereichen nicht mehr planen können. Planung aber ist das Bedürfnis unseres Verstandes nach Sicherheit. Solange wir planen können, haben wir das Gefühl, eine gewisse Kontrolle über uns und unser Leben zu haben und damit eben auch Sicherheit. Das Fehlen von Sicherheit macht vielen Menschen Angst und Angst, wenn sie täglich genährt wird, verändert das Verhalten, Denken und Fühlen der Menschen. So entstehen die Gräben und man hat den Eindruck, keine gemeinsame Sprache mehr zu sprechen. Es kommt zu Situationen der Überforderung, manchmal auch zu Aggression, Verzweiflung oder Resignation. Was also können wir tun?

Zum einen erkennen, dass Angst eine beträchtliche Rolle spielt, auch wenn es im Aussen, bei einzelnen Personen, nicht so scheinen mag. Diese Angst lässt sich sogar auf einen gemeinsamen Nenner bringen: es geht um Existenzangst, sogar auf beiden Seiten der Gräben, nur ist sie immer ein bißchen anders verpackt. Wenn wir unsere eigene Angst annehmen und damit ein Verständnis und eine Gemeinsamkeit mit dem Gegenüber entdecken können, dann sind wir einen grossen Schritt weiter, weil wir auf die Sprache der Herzensebene gewechselt sind. Diese Sprache ist das Mitgefühl.

Mitgefühl ermöglicht ein tiefes Verstehen und erlaubt uns über dieses Verstehen Abstand zu nehmen von unsinnigen äusseren Handlungen, die die Situation nur verschärfen und eskalieren lassen würden. Das bedeutet nicht, dass wir keine eigene Idee oder Meinung haben dürfen. Es bedeutet aber, dass wir einen Schritt vom Graben zurücktreten, besser sogar zwei oder drei. In dem Moment, in dem wir innerlich die Front verlassen, schenken wir uns Raum und Entspannung. Wir brauchen nicht mehr zu kämpfen oder uns zu verteidigen, was beides sehr viel Kraft kostet. Sondern wir können uns unsere eigene Angst anschauen und liebevoll annehmen, indem wir uns bewusst machen, dass wir fühlende Wesen sind, die durchaus Angst haben können. Schenken wir uns also die Freiheit, eigene Wunden zu heilen, zu uns zu kommen und unsere Herzenssprache zu entwickeln. Denn sie wird die heilsamste aller Sprachen sein, in dieser neuen Zeit, die wir nun erleben werden.